Medizingeschichte


von Ortrun Riha

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Medizingeschichte ist ein geisteswissenschaftliches Fach, das aber in der Regel nicht an Historischen Instituten, sondern an Medizinischen Fakultäten verortet ist.

Der persische Arzt Al-Razi bei der Uroskopie (um 1255)
Quelle: Avignon BM, Ms. 1019, folio 102 r.
Methodisch und in der Verwendung von Quellen steht die Medizingeschichte vielen Richtungen der Geschichtswissenschaften nahe, vor allem der Sozial-, Mentalit√§ts-, Kultur- und Geschlechtergeschichte, hat jedoch dar√ľber hinaus auch Verbindungen zu den Mittelalterphilologien und zu philosophischen Ans√§tzen wie der Wissenschaftstheorie und der Moralphilosophie.

Während die traditionelle Medizingeschichte sich als ereignisbezogene Dokumentation des naturwissenschaftlichen Fortschritts verstand, ist die heutige Aufgabe des Fachs die Förderung von Selbstreflexivität und kritischem Denken bei den Medizinstudierenden: Die Medizin der Gegenwart soll als eine von vielen verschiedenen Möglichkeiten verstanden werden, sich helfend kranken Menschen zuzuwenden.

Sozialgeschichte der Medizin

Typische Themen einer Sozialgeschichte der mittelalterlichen Medizin sind die Geschichte von Hospit√§lern, die gesundheits- bzw. krankheitsbezogenen Regulierungen in mittelalterlichen St√§dten (z. B. Apothekerverordnungen und Arzneitaxen, Pr√ľfungsverfahren f√ľr Wund√§rzte, Vorschriften zum Badewesen und zur Prostitution, Lebensmittelhygiene, Umgang mit fahrenden Heilern usw.), die Stellung von Badern, Barbieren und Hebammen oder die soziale Absicherung bei Alter und Invalidit√§t.

Auch die historische Demografie sowie vor allem prosopografische Untersuchungen zu einzelnen Personen oder Personengruppen gehören in diese Kategorie, seien es Biografien von Vertretern bestimmter Medizinberufe, Pflegeorden oder Dokumente zum Gesundheits- bzw. Krankheitsverhalten medizinischer Laien, wobei hier die Inanspruchnahme informeller HeilerInnen neuerdings von besonderem Interesse ist.

Mentalitätsgeschichte der Medizin

Im Wesentlichen sind es vier medizinische Themengebiete, die Beitr√§ge zur mittelalterlichen Mentalit√§t liefern k√∂nnen: Am Anfang steht der monastische Kontext von Medizin und Pflege; neben den organisatorischen Aspekten interessiert dabei vor allem die spirituelle Herangehensweise an Hilfsbed√ľrftigkeit, Leiden und Tod. Ein relativ neues Gebiet ist die ‚Äědisability history‚Äú, die die soziale Bew√§ltigung (chronischer) k√∂rperlicher Defizite im Auge hat. Und schlie√ülich sind es zwei Seuchenerfahrungen, die nicht nur f√ľr die mittelalterliche Medizin, sondern auch f√ľr Politik und Seelsorge eine enorme Herausforderung waren: Aussatz und Pest.

Medikale Kultur

Aus kulturhistorischer Sicht stellt sich die Frage nach dem Alltag der mittelalterlichen Heilkunde: Welche Speisen hielt man f√ľr gesund, welche f√ľr sch√§dlich und hat man den Speiseplan darauf abgestimmt? Was hat man eigentlich verordnet? Was hat das gekostet? Welche Ger√§tschaften wurden angewandt? Wie sah eine Badstube aus? Die Quellen dazu sind vielf√§ltig und reichen von Koch- und Rechnungsb√ľchern √ľber medizinische Instrumente bis hin zu arch√§ologischen Untersuchungen.

Geschlechtergeschichte

Einen Geschlechter- und Medizinbezug gleichzeitig hatte die Hexenforschung, weil es da sowohl um Frauenverfolgung als auch um magische Praktiken ging, die als Schaden- oder Abwehrzauber mit Krankheiten zu tun hatten. Daraus ergab sich weiterhin die Frage, welche eventuellen ‚Äěwissenschaftlichen‚Äú Gr√ľnde es f√ľr die beobachtbare Frauendominanz unter den Hexen gegeben haben k√∂nnte. Aber wie hat man sich √ľberhaupt die biologischen Grundlagen f√ľr die Entstehung der Geschlechter vorgestellt? Wie funktioniert die Zeugung und die Embryonalentwicklung? Und schlie√ülich als Konsequenz aus den Erkl√§rungsversuchen: Wie ging man mit Normabweichungen um?

Philologische Ansätze

Grundlage einer Wissensgeschichte der Medizin sind medizinische Texte bzw. Texte mit heilkundlichem Bezug allgemein, insofern geh√∂ren Editionen, Kommentare und Interpretationen ebenfalls zur Medizingeschichte dazu. Texte bilden auch die Grundlage f√ľr eine Begriffs- und Ideengeschichte der Medizin. In j√ľngster Zeit haben die Philologien den (nicht nur medizinischen) Fachwortschatz als lohnendes Arbeitsfeld entdeckt und werten Sachtexte im Sinne der ‚ÄěDigital Humanities‚Äú unter entsprechenden Fragestellungen gezielt aus.

Philosophie der Medizin

Die Theorie der mittelalterlichen Medizin ist durch die schematische Vier-S√§fte-Lehre relativ einfach zu durchschauen. Konkurrierende Konzepte (wie die Pneuma-Lehre) gab es zwar, sie spielten jedoch nur eine Nebenrolle. Aus heutiger Sicht k√∂nnte man fragen: Was waren eigentlich die Gr√ľnde f√ľr die auff√§llige Persistenz dieser simplen Theorie? Worin bestand ihre besondere Leistungsf√§higkeit? Im Bereich der medizinischen Ethik flie√üen die Quellen sp√§rlich, sieht man von geistlichen Stimmen ab, die aber nur im weiteren Sinn einen Medizinbezug haben. √Ąu√üerungen aus der √Ąrzteschaft zu problematischen Situationen m√ľsste man mit der Lupe suchen. Allenfalls die Rechtsgeschichte kann kleine Splitter beitragen, so beispielsweise zur Geschichte der Abtreibung, zu Standesstreitigkeiten oder zu Schadenersatzprozessen.

Der ‚ÄěKern‚Äú der Medizingeschichte

Medizingeschichte zeichnet sich also weder durch eine bestimmte Art von Quellen noch durch typische Methoden aus: Ihr Wesen liegt in spezifischen Fragestellungen, die andere Disziplinen ausblenden.

- √Ąrztliche Identit√§t: Wer geh√∂rte zur Gruppe der formell oder informell Heilenden und aufgrund welcher Qualifikation oder Konvention? Welche Ab- und Ausgrenzungsstrategien gab es? Wie stand es um Selbstverst√§ndnis und soziales Prestige?

- Arzt und Patient: Wer suchte in welcher Situation die Hilfe welchen Heilertyps? Was schaffte Vertrauen? Wie war das soziale Gefälle? Wie war die Erwartungshaltung und was passierte bei Misserfolgen?

- Wissen und Handeln: Wie war ‚ÄěWissen‚Äú und ‚ÄěErfahrung‚Äú definiert? Gab es unterschiedliche Kontexte f√ľr bestimmte Wissens- oder Handlungsformen? Wie entstand neues Wissen? Wie ging man mit den Grenzen der Erkenntnis um?

- Medizin und Gesellschaft: Wer wurde warum als Heiler akzeptiert? Welche politische Rolle spielten √Ąrzte? Wie erkl√§rt sich der soziale Aufstieg der √Ąrzteschaft am Ende des Mittelalters? Diese vier Fragenkomplexe lassen sich auf jede Epoche der Medizingeschichte anwenden und sind nicht auf das Mittelalter beschr√§nkt.

Literaturhinweis: Norbert Paul, Thomas Schlich (Hg.): Medizingeschichte: Aufgabe, Probleme, Perspektiven. Frankfurt, New York: Campus, 1998.
Zitiervorschlag
Ortrun Riha: Medizingeschichte, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einf√ľhrung (2020). URL: http://riha.mittelalterliche-geschichte.de
Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion