ArchÀologische Quellen


von Natascha Mehler (UniversitĂ€t TĂŒbingen)

Lesezeit: ca. 15 Minuten

Seit etwa 60 Jahren gibt es in Deutschland die ArchĂ€ologie des Mittelalters. Sie hat sich in den Nachkriegsjahren – bedingt durch zahlreiche Bodeneingriffe als Folge verstĂ€rkter BauaktivitĂ€ten – aus dem akademischen Fach Ur- und FrĂŒhgeschichte heraus entwickelt.

SpÀtmittelalterliche Skelette aus dem Bereich von Kirche und Kloster St. Martin
in Augsburg, ArchÀologische Ausgrabung (Foto: StadtarchÀologie Augsburg)
Inzwischen gibt es mehrere UniversitĂ€tstandorte, an denen die ArchĂ€ologie des Mittelalters unterrichtet wird und Forschungsprojekte laufen. Zentral in Lehre und Forschung sind Untersuchungsmethoden und Interpretationen von archĂ€ologischen Quellen aus der Zeit des Mittelalters, deren Anwendungen geleitet sind von dem VerstĂ€ndnis, dass das Mittelalter nur unter Einbeziehung aller zur VerfĂŒgung stehenden Quellen zu verstehen ist – einschließlich der archĂ€ologischen Quellen.

Quellenvielfalt

Blick in das Magazin fĂŒr Kleinfunde der StadtarchĂ€ologie Augsburg (Foto: Alexander Bernhard, Landesstelle fĂŒr nichtstaatliche Museen in Bayern)

Dokumentation von Befunden im Film "ArchĂ€ologie des Mittelalters", produziert fĂŒr www.mittelalterliche-geschichte.de (2007).
TĂ€glich finden vielerorts archĂ€ologische Ausgrabungen statt, bei denen Überreste aus dem Mittelalter dokumentiert und geborgen werden. All diese Überreste sind Quellen zum Mittelalter. Ihre Vielfalt bezĂŒglich Zusammensetzung und Aussagekraft ist enorm und mit jedem Ausgrabungstag wird unsere archĂ€ologische Quellenbasis grĂ¶ĂŸer. Die Quellen werden dabei in Befunde und Funde unterschieden. Unter Befund versteht man in der Regel alle immobilen Überreste wie etwa Mauern, Baugruben, Pfostenlöcher oder Grabgruben. Es ist nur selten möglich, solche immobilen Überreste zu erhalten, denn meist werden sie im Zuge von Bauvorhaben zerstört.

Befunde dokumentieren

Wichtig ist daher, Befunde so gut wie möglich zu dokumentieren: sie werden vermessen, photographiert, maßstabsgetreu gezeichnet oder gescannt. Als Fund werden alle dinglichen, mobilen Überreste bezeichnet, wie Scherben, GegenstĂ€nde aus Keramik oder Glas, Metall, Knochen oder Geweih. VergĂ€nglichere organische Objekte aus Holz, Textil oder Leder werden in weit geringerer Zahl gefunden. Die Funde werden geborgen, ihre genaue Lage dokumentiert, anschließend gereinigt und in den Depots von Denkmalschutzbehörden oder Museen aufbewahrt. Wichtige archĂ€ologische Quellen sind zudem Überreste von Menschen und Tieren (z. B. Skelette bzw. Knochen, FĂ€kalien) oder Pflanzen (z. B. Pollen, Samen). Anschließend werden Befunde und Funde analysiert, in ihren historischen Kontext gebettet und interpretiert.

Quellenstudium

Studierende der MittelalterarchĂ€ologie lernen diese archĂ€ologischen Quellen zu bergen und zu dokumentieren, zu lesen und zu interpretieren. Wie hat beispielsweise ein Töpfer im Hochmittelalter Geschirr produziert, wo bekam er die notwendigen Rohstoffe her, wie und wohin hat er seine Waren vertrieben, welche Töpferwaren hat er produziert, wie wurden sie verwendet und wie datieren sie? Wenn diese Fragen beantwortet sind, kann man mit Produkten dieser Töpferei – wenn sie als Scherben und Abfall z. B. in einer Baugrube landen – die Errichtung eines GebĂ€udes datieren oder Konsumverhalten nachvollziehen. Bei der Untersuchung archĂ€ologischer Quellen kommen dabei immer mehr naturwissenschaftliche Analysemethoden zum Einsatz.

Naturwissenschaftliche Analysemethoden

Die ArchĂ€ologie des Mittelalters arbeitet daher nicht nur eng mit den historischen Wissenschaften zusammen sondern auch mit Naturwissenschaften wie der Geologie, Botanik oder Anthropologie. Die chemische Zusammensetzung von Keramikfunden kann z.B. mit der Röntgenfluoreszenzanalyse oder einer massenspektrometrischen Analyse bestimmt werden, was wiederum Erkenntnisse zu Rohstoffeinsatz und –handel liefert. Tierknochenfunde aus einer Latrine verraten uns beispielsweise welche Tiere bzw. Teile davon verzehrt wurden, wie man sie zubereitete, welche Tierarten von bestimmten sozialen Schichten gegessen wurden, oder wie sich bestimmte Tierpopulationen bezĂŒglich GrĂ¶ĂŸe und Gewicht im Lauf der Zeit verĂ€nderten. Im Bachelorstudium erhalten Studierende einen Überlick ĂŒber die archĂ€ologischen Quellen. Angesichts der Vielfalt ist es danach meist so, dass sich Master-Studierende auf bestimmte Quellen und Analysemethoden spezialisieren.

"Demokratische" Quellen

FĂŒr die Interpretation der archĂ€ologischen Quellen ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass wir sie als “demokratischer” betrachten als Schriftquellen. Vor allem im FrĂŒh- und Hochmittelalter werden SchriftstĂŒcke nur von wenigen Personen aus den Kreisen von Klerus oder Adel verfasst und gelesen. Die archĂ€ologischen Hinterlassenschaften, die wir bei Ausgrabungen finden, stammen von allen Bevölkerungsschichten und sind deutlich zahlreicher.
Eine spĂ€tmittelalterliche Latrine in Augsburg (Maximilianstraße 23) wĂ€hrend der Ausgrabung. Zu sehen sind Geschirr- und Kachelfragmente aus Keramik, Reste von TrinkglĂ€sern, Metallreste sowie eine MĂŒnze, die im hölzernen Latrinenschacht verstreut liegen (Abbildung: PLANAteam Augsburg / StadtarchĂ€ologie Augsburg).

Quellenkritik

Im Graben der Burg Vechta (Niedersachsen) fand sich eine Flöte aus dem Knochen eines GĂ€nsegeiers (Gyps fulvus), die ins 14. Jahrhundert datiert. Flötentyp und zoologische Bestimmung zeigten, dass die Flöte aus dem mediterranen Raum, vermutlich aus islamischem Zusammenhang, stammt (Abbildung: J. Paulo Ruas und Hans Christian KĂŒchelmann).
FĂŒr die Interpretation archĂ€ologischer Quellen ist es wichtig, Material- und Bodeneigenschaften, Befundkontext und auch Ausgrabungsbedingungen zu kennen. Bei der Arbeit mit Funden sind folgende kritische Fragen zu berĂŒcksichtigen: Wurde ein Objekt mit einer bestimmten Intention deponiert (z.B. eine MĂŒnze in einem Grab) oder ist es zufĂ€llig auf uns gekommen (z.B. entsorgter Topf in einer Abfallgrube)? Ermöglichen die BodenverhĂ€ltnisse keine Erhaltung organischer Funde oder warum fehlen beispielsweise Funde aus Holz, Leder oder Textilien? GegenstĂ€nde aus Eisen und Buntmetall wurden meist recycled, ihr Fehlen lĂ€sst also nicht darauf schließen, dass sie einst nicht in Gebrauch waren. Ist eine Siedlung oder Kirche vollstĂ€ndig ausgegraben oder nur ein Teil davon? Weist die verantwortliche Grabungsleitung die notwendige Fachkenntnis fĂŒr eine Ausgrabung der Zeitstellung Mittelalter auf? Ist der Befund ungestört oder zeigen sich Hinweise auf Ă€ltere Bodeneingriffe, die Teile des Befunds zerstört haben?

Quelleneditionen

Inzwischen liegen in Form von umfassenden Bearbeitungen von Fundkomplexen einige Editionen von archĂ€ologischen Quellen des Mittelalters vor. So gibt es beispielsweise sehr gute Überblickswerke zur Bestimmung und Datierung von mittelalterlichen TrinkglĂ€sern oder Ofenkacheln, oder zu mittelalterlichen Befunden und Bauten bestimmter StĂ€dte. Die Zahl der Online-Editionen von mittelalterlichen GegenstĂ€nden nimmt ebenfalls zu. Sie sind besonders fĂŒr ĂŒberregionale Bewertungen und Einordnungen wichtig und unterstĂŒtzen die Fundbestimmung. Hervorzuheben sind beispielsweise die interdisziplinĂ€re Bilddatenbank REALonline des Instituts fĂŒr Realienkunde des Mittelalters und der frĂŒhen Neuzeit (UniversitĂ€t Salzburg), deren besonderer Wert darin liegt, dass archĂ€ologische Quellen und Bildquellen gemeinsam darin zu finden sind und so direkte BezĂŒge erschlossen werden können. Eine weitere Objektdatenbank ist das britische Portable Antiquities Scheme, das inzwischen mehr als 1,5 Millionen Objekte (vom PalĂ€olothikum bis zur Neuzeit) aus vielen Teilen Europas enthĂ€lt. Ein Beispiel fĂŒr eine Befunddatenbank ist THANADOS, die GrĂ€berfelder und Bestattungen des FrĂŒh- und Hochmittelalters im Ostalpenraum aufzeigt. Solche Quelleneditionen ermöglichen Studierenden wie Forschenden eine Fundbearbeitung und –interpretation und einen schnellen Quellenzugriff.
Zitiervorschlag
Natascha Mehler: ArchĂ€ologie des Mittelalters, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale EinfĂŒhrung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/1/1/index.php?id=122&lang=de&tpl=2#

Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion