Notariatsinstrumente / Notarsurkunden



Von Magdalena Weileder (M√ľnchen)

Lesezeit: ca. 15 Min.

Als "Notariatsinstrument" oder allgemeiner als "Notarsurkunde" bezeichnet man die von einem oder mehreren öffentlichen, kaiserlich und/oder päpstlich autorisierten Notaren in einer bestimmten Form ausgestellte Urkunde. Man erkennt Notarsurkunden auf einen Blick an dem meist links unten angebrachten persönlichen Zeichen des Notars, dem sogenannten Notarssignet, sie weisen jedoch auch ein ganz typisches Formular auf, das sie von den meisten anderen Urkundenformen eindeutig unterscheidet.


Notariatsinstrument von 1460 März 23
(Bayer. Hauptstaatsarchiv, Domkapitel Passau Urk. 1353)

1. Historische Entwicklung

Vereinfacht gesagt ist das √∂ffentliche Notariat nach sp√§tantiken Vorbildern √ľber verschiedene fr√ľh- und hochmittelalterliche Vorstufen in Italien entstanden und verbreitete sich von dort, vermittelt durch das Kirchenrecht, nach Deutschland und √ľber ganz Europa. In Italien wurden Notariatsinstrumente bereits im 12. Jahrhundert zur dominierenden Urkundenform. Wegen hohen Gesch√§ftsaufkommens gingen die Notare jedoch bald dazu √ľber, nicht mehr in jedem Fall Urkunden auszustellen, sondern die Rechtsgesch√§fte ihrer Mandanten mittels kurzer Notizen in sorgf√§ltig aufbewahrten Registern, den sogenannten Imbreviaturb√ľchern, festzuhalten.

Ars notaria

Eine theoretische Verfestigung erfuhr die italienische Praxis durch die Notariatskunst (Ars notaria), also die Zusammenstellung von Regeln f√ľr die Aus√ľbung des Notarsberufs, die von Bologneser Juristen im 12. und 13. Jahrhundert niedergeschrieben wurden. Als wichtigstes Werk gilt die Summa artis notariae (um 1255), nach ihrem Verfasser Rolandinus de Passageriis auch Summa Rolandina genannt. Die Regeln der Ars notaria wurden auch im Kirchenrecht ber√ľcksichtigt: Einer formgerecht ausgestellten Notarsurkunde (instrumentum publicum) kam vor einem geistlichen Gericht volle Beweiskraft (plena fides) zu. Manche anderen Urkundenarten mussten dagegen durch Zeugenaussagen gest√ľtzt werden, um als glaubw√ľrdig zu gelten.

Tätigkeitsbereiche öffentlicher Notare nördlich der Alpen

Aufgrund dieser beweisrechtlichen Sonderstellung begann das √∂ffentliche Notariat auch in Deutschland und den nordeurop√§ischen L√§ndern allm√§hlich Fu√ü zu fassen, vielerorts indes erst im 14. Jahrhundert. Da in Deutschland mit dem Siegelwesen bereits eine gefestigte Tradition der Urkundenbeglaubigung bestand, blieb der T√§tigkeitsbereich der √∂ffentlichen Notare zudem relativ eingeschr√§nkt. Wie beispielweise auch in England urkundeten sie hier bis zum ausgehenden 15. Jahrhundert vor allem im Kontext der geistlichen Gerichtsbarkeit, insbesondere wenn es um Verfahren an der p√§pstlichen Kurie ging. Erst durch die Gr√ľndung des Reichskammergerichts (1495) und den Erlass der Reichsnotariatsordnung durch Kaiser Maximilian I. (1512) festigte sich die Stellung des √∂ffentlichen Notariats auch in der weltlichen Gerichtsbarkeit des Reiches.

2. Die Autorisierung als öffentlicher Notar

Als "Notar" wird oft ganz allgemein die Person bezeichnet, die eine Urkunde geschrieben oder formuliert hat. Von dieser reinen Funktionsbezeichnung zu unterscheiden ist das √∂ffentliche Amt, das die √∂ffentlichen Notare (notarii publici, gelegentlich auch tabelliones genannt) innehatten und das ihnen von Kaiser und/oder Papst verliehen werden musste. Das taten diese in der Regel nicht selbst, sondern verliehen das Notarsernennungsrecht an Untergebene. Die P√§pste beschr√§nkten es meist auf eine bestimmte Anzahl von Notaren. Anders die Kaiser, die es vor allem seit der Mitte des 14. Jh. oft als ein uneingeschr√§nktes, mitunter sogar erbliches Recht √ľbertrugen.

Unterschiedliche Zuständigkeiten hatten päpstliche und kaiserliche Notare nicht. Die etwas schwieriger zu erlangende päpstliche Autorisation (apostolica autoritate) scheint jedoch etwas prestigeträchtiger gewesen zu sein als die kaiserliche (imperiali autoritate).

Der Notar als privilegierter Zeuge

Voraussetzung f√ľr die Ernennung zum Notar war neben der fachlichen Eignung eine uneingeschr√§nkte Wahrnehmungsf√§higkeit (Sehen, H√∂ren). Dies ergibt sich aus der Funktion des √∂ffentlichen Notars als eines privilegierten Zeugen: In seinen Urkunden erkl√§rt ein Notar nicht seinen eigenen Willen, sondern bezeugt als neutraler Dritter einen Vorgang, dem er pers√∂nlich beigewohnt haben muss. Zugleich durfte er nicht aus eigenem Antrieb Urkunden ausstellen, sondern musste dazu ausdr√ľcklich gebeten werden.

3. Inhalte von Notarsurkunden

Notarsurkunden k√∂nnen verschiedenste Rechtsinhalte haben, in der √úberlieferung gibt es jedoch deutliche Schwerpunkte: In deutschen Archiven sind besonders h√§ufig Transsumpte (beglaubigte Abschriften) und Prokuratorien (Vollmachten) festzustellen, daneben Urkunden √ľber die Besetzung von Pfr√ľnden sowie √ľber Gerichtsprozesse, insbesondere vor p√§pstlich delegierten Richtern, also Personen, die im Namen des Papstes Verfahren leiteten. Auch gerichtliche Ladungen, au√üergerichtliche Einigungen oder die Wahl von √Ąbten wurden √∂fter mittels Notarsurkunden dokumentiert.
Darstellung eines Notars in einer Gerichtsszene Ulrich Tengler, Der ne√ľ Layenspiegel, Augsburg: 1511 (Bayer. Staatsbib., Res/2 J. pract 76), fol. 142r.
[Liz.: CC BY-NC-SA 4.0]

4. Notariatsinstrumente und notarielle Siegelurkunden

Notarielle Siegelurkunde von 1417 September 27 (Bayer. Hauptstaatsarchiv, Kollegiatstift Vilshofen Urk. 160)
Man kann zwei Hauptformen von Notarsurkunden unterscheiden: 1. Das Notariatsinstrument im engeren Sinn, das stets aus der Sicht des Notars formuliert (1. Person Singular) und meistens unbesiegelt ist, und 2. die notarielle Siegelurkunde: Diese wird von einer anderen Person, normalerweise einem h√∂heren Geistlichen, ausgestellt und besiegelt und ist aus deren Sicht formuliert (1. Person Plural), jedoch auch von einem √∂ffentlichen Notar beglaubigt. Zus√§tzlich konnte ein zweiter und dritter Notar die Urkunde beglaubigen oder Siegel weiterer Personen angeh√§ngt werden. Ob die etwas aufw√§ndigere Form der notariellen Siegelurkunde zum Einsatz kam, war vom Rechtsinhalt abh√§ngig: So gen√ľgte f√ľr Vollmachten ein unbesiegeltes Notariatsinstrument, aber Prozessurkunden p√§pstlich delegierter Richter wurden stets als notarielle Siegelurkunden ausgefertigt. Transsumpte treten dagegen in beiden Formen auf.

5. √Ąu√üere Merkmale

Gegen√ľber den oft kleinen, ungerade beschnittenen Notarsurkunden in Italien sind die meisten deutschen St√ľcke auf relativ gro√üz√ľgig bemessenen Pergamentb√∂gen mit breiten Seitenr√§ndern geschrieben. Besonders gro√üe Abmessungen (bis zu 80 cm Seitenl√§nge) weisen die oft sehr umfangreichen Urkunden p√§pstlich delegierter Richter auf, die stets auf einem Einzelbogen geschrieben wurden. L√§ngere Transsumpte wurden eher als Libell (lat. libellum = B√ľchlein) ausgefertigt, also als Heft aus mehreren B√∂gen, f√ľr die auch Papier verwendet wurde.

Notarssignet

Das augenf√§lligste Merkmal von Notarsurkunden ist das Notarssignet, das in der Regel links unter den Urkundentext gesetzt wurde. Rechts daneben steht die mehrzeilige Unterschrift des Notars, woraus sich ein ganz typisches Layout ergibt. Das Signet war personengebunden, sollte unverwechselbar sein und war grunds√§tzlich unver√§nderlich, wenngleich √Ąnderungen etwa bei Autorisationserweiterungen m√∂glich waren. Verbindliche Vorgaben f√ľr die Gestaltung von Notarssigneten gab es nicht, es entstanden jedoch gewisse Konventionen. So nahmen deutsche Notare im Unterschied zu ihren italienischen und franz√∂sischen Kollegen gerne gegenst√§ndliche Motive in ihre Signete auf, die oft in einem Zusammenhang mit ihrem Namen standen.
Urkunde des päpstlichen Auditors (Richters) Johannes Gatscow von 1402 März 3 (Bayer. Hauptstaatsarchiv, Hochstift Passau Urk. 1048)
Als Libell geheftetes Transsumpt von 1420 März 29 (HHStA Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, AUR 1420 III 29, fol. 9v-10r)
Notarssignet des Ulrich Rapp von 1471 (LMU M√ľnchen, Lehrsammlung der Historischen Grundwissenschaften Nr. 49)

6. Innere Merkmale

Der gr√∂√üte Teil der Notarsurkunden in deutschen Archiven ist lateinisch, deutsche St√ľcke sind etwas seltener. Da Notarsurkunden voll von Abk√ľrzungen sind, erscheinen sie auf den ersten Blick schwer lesbar. Allerdings ist ihr Formular √ľberaus regelm√§√üig, geradezu standardisiert, da sie der Ars notaria entsprechend bestimmte Formeln enthalten mussten, um beweiskr√§ftig zu sein.
Erforderlich war eine ausf√ľhrliche Datierung unter Angabe von Ausstellungsort, Inkarnationsjahr, Indiktion, Regierungsjahr des Papstes (seltener des Kaisers), Wochen- und Monatstag; manchmal wurde sogar die Tageszeit und ein bestimmter Raum in einem Geb√§ude benannt, in dem die beschriebenen Ereignisse stattfanden. Au√üerdem mussten die Urkunden z.B. eine Anwesenheitserkl√§rung (in mei notarii publici ‚Ķ presencia), Beurkundungsbitte (‚Ķ petiit sibi per me ... fieri unum ‚Ķ publicum ‚Ķ instrumentum) und Zeugenformel (presentibus ‚Ķ testibus ad premissa vocatis specialiter et rogatis) enthalten.

Ausschnitt aus Formularium instrumentorum, Rom 1495 (Bayer. Staatsbib., 4 Inc.c.a. 1205, fol. 29r), mit handschriftlichen Anmerkungen
[Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0]
Die genannten Formeln sind fester Bestandteil von Notariatsinstrumenten und in leicht abgewandelter Form auch von notariellen Siegelurkunden. Hinzu kamen Formeln, die f√ľr den jeweiligen Rechtsinhalt verbindlich waren. Den genauen Wortlaut der erforderlichen Formeln variierten die Notare dabei nur geringf√ľgig. Da eine falsche Formulierung zur Ung√ľltigkeit der ganzen Urkunde f√ľhren konnte, verwendeten sie gerne Vorlagen aus Formelb√ľchern. Besonders beliebt war eine Sammlung namens Formularium instrumentorum, die seit 1474 in zahlreichen Druckausgaben erschien.

7. Forschungsfelder

Die deutschsprachige Forschung zu Notarsurkunden ist relativ √ľberschaubar, was wohl nicht zuletzt an den oft recht abstrakt erscheinenden Inhalten dieser stark formalisierten Schriftst√ľcke liegt. Am intensivsten hat man sich bisher noch mit den Notarssigneten befasst, die sich f√ľr kunsthistorische Untersuchungen und Vergleiche mit anderen personenbezogenen Zeichen oder graphischen Symbolen auf Urkunden anbieten.

Von rechtshistorischen Fragestellungen bis zur Netzwerkforschung

Die Urkunden selbst k√∂nnen als Quelle f√ľr rechtshistorische Fragestellungen, etwa nach den Verfahren vor p√§pstlichen Delegaten, herangezogen werden, aber auch f√ľr die Netzwerkforschung: Schlie√ülich behandeln Notarsurkunden h√§ufig Stellvertretungen vor Gericht oder in Rechtsgesch√§ften, nennen regelm√§√üig Zeugen und erlauben anhand pr√§ziser Angaben zu Ausstellungsort und -datum eine genauere Verortung der Ereignisse und Personen in Raum und Zeit, als dies die meisten anderen Urkunden tun. F√ľr diplomatische und sphragistische Fragestellungen k√∂nnen speziell die notariellen Transsumpte eine wertvolle Quelle sein, da sie nicht nur den Wortlaut der beglaubigten Urkunde als Insert enthalten, sondern oft auch Informationen √ľber deren Siegel, was besonders bei verlorenen Originalen n√ľtzlich ist.
Notarssignet des David Hennynger de Wormedith von 1431 (LMU M√ľnchen, Lehrsammlung der Historischen Grundwissenschaften Nr. 71)
Zitiervorschlag
Magdalena Weileder: Notariatsinstrumente / Notarsurkunden, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einf√ľhrung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/1/1/index.php?id=123&lang=de&tpl=2

Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion