Die "Deutschen Reichstagsakten": Editorische Ausgestaltung


von Gabriele Annas (Goethe-Universität Frankfurt)

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Eine allgemeing√ľltige "Anleitung" zur Edition der "Deutschen Reichstagsakten" kann nicht vorgegeben werden, soll das Projekt in eine dynamische Forschungslandschaft eingebunden bleiben. Dies hat die langj√§hrige Geschichte des Editionsunternehmens eindr√ľcklich gezeigt. Die L√∂sung editorischer Probleme obliegt letztlich der wissenschaftlichen Verantwortung der BearbeiterInnen, die immer wieder individuelle, der jeweiligen Forschungslage angemessene Entscheidungen treffen m√ľssen. Jedes Quellenst√ľck bedeutet in diesem Sinne eine wissenschaftliche Herausforderung.

Breites Spektrum editorischer Präsentationsformen

Grunds√§tzlich kann sich die Arbeit an den "Deutschen Reichstagsakten" auf ein breitgef√§chertes Spektrum editorischer Pr√§sentationsformen st√ľtzen. Diese orientieren sich an der potentiellen Wertigkeit und reichstagsgeschichtlichen Relevanz der einzelnen Aktenst√ľcke - im Sinne einer hierarchisch gedachten Darstellungsweise zwischen Ausfaltung und Raffung des Stoffs. Zu unterscheiden ist dabei allgemein zwischen Voll- und Teildruck, kurzer oder ausf√ľhrlicher Regestierung, Aktenreferat und darstellendem Bericht mit breiten Quellenzitationen. In welchem Umfang und in welcher konkreten Form die zuvor ausgew√§hlten Quellen im Rahmen der "Deutschen Reichstagsakten" pr√§sentiert werden, liegt - nach sorgf√§ltiger √úberpr√ľfung und in enger R√ľckbindung an den jeweiligen Forschungsstand - letztlich im Ermessen des Editors. Gleichwohl wird insgesamt der Volldruck als umfangreichste Form der Pr√§sentation bevorzugt. Nur auf diese Weise kann das Editionsunternehmen auch f√ľr zuk√ľnftige wissenschaftliche Fragestellungen offenbleiben.

"Der Akteneditor" - so Erich Meuthen - "ist auch gestalterisch wesentlich freier als der Herausgeber einer seriellen Quelle, soweit dieser √ľbereinkunftgem√§√ü keine Ausschau nach erg√§nzenden Quellen anderer Art h√§lt. Wie es vielerlei Quellen gibt, darf der Akteneditor sie denn wohl auch in vielerlei Weise pr√§sentieren [...]." Mit Blick auf die "Deutschen Reichstagsakten" hat dar√ľber hinaus Hermann Heimpel auf den Umstand hingewiesen, dass "nicht die Methode des Unternehmens [subjektiv ist], sondern das Unternehmen selbst, weil es an einem sachlichen Thema orientiert ist, eben an Reichstagen und Reichspolitik des 15. Jahrhunderts".

Edition als "Serviceleistung"

Mit einer wissenschaftlichen Edition verbinden sich ma√ügebliche "Serviceleistungen": Durch die Edition werden archivalische Schriftst√ľcke f√ľr eine potentielle Benutzung erschlossen und zugleich - als integraler Bestandteil dieser Serviceleistungen - "aufgeschlossen". Dies unterscheidet eine historisch-kritische Quellenedition ma√ügeblich von einem einfachen Quellenabdruck oder einem online zur Verf√ľgung gestellten Digitalisat, auch wenn dabei die betreffenden archivalischen Rahmendaten (Aufbewahrungsort mit Signatur, √§u√üere Beschreibung, Datierung, knappe Inhaltsangabe) aufgef√ľhrt werden.

Ein idealtypisch ediertes Schriftst√ľck

Schreiben des Enea Silvio Piccolomini an Heinrich Senftleben (1455 Januar 24) - mit editorischen Hinweisen. Aus: Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich III., 5. Abteilung, 3. Teil. Reichsversammlung zu Wiener Neustadt 1455, bearb. von Gabriele Annas (Deutsche Reichstagsakten √Ąltere Reihe 19/III), M√ľnchen 2013, S. 87.
© Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Ein im Rahmen der √Ąlteren Reihe der "Deutschen Reichstagsakten" im Volldruck ediertes Schriftst√ľck wird - idealtypisch - in folgender Form pr√§sentiert:

A. Allgemeine editorische Angaben

1) Ausf√ľhrliches Kopfregest bzw. - bei l√§ngeren Texten - gegliederte Inhaltsangabe.

2) Dokumentation der handschriftlichen Überlieferungen - mit jeweils genaueren Angaben zum gegenwärtigen Aufbewahrungsort, zur Signatur (einschließlich Folio- bzw. Blattangaben), zur Überlieferungsform (Original, Abschrift) sowie zur Datierung (bei kopialer Überlieferung - sofern möglich).

3) Angaben - sofern vorhanden - zu älteren Drucken und gedruckten Regesten.

4) Hinweise auf Erw√§hnungen des betreffenden Schriftst√ľcks in der Literatur.

B. Textedition
Die Textedition enth√§lt den Text des betreffenden Schriftst√ľcks - in Verbindung

1) mit dem Variantenapparat, der nicht nur Varianten der textlichen Gestalt - im Abgleich mit anderen √úberlieferungen - verzeichnet, sondern auch Hinweise auf K√ľrzungen, Streichungen, ausgefallene Textpassagen etc.

2) mit dem Sachapparat, der nähere Informationen zu den im Text erwähnten Personen und historischen Sachverhalten enthält.

Den einzelnen Kapiteln werden dar√ľber hinaus einleitende Ausf√ľhrungen vorangestellt, welche die ausgew√§hlten Aktenst√ľcke in einen gr√∂√üeren thematischen Zusammenhang einordnen und - bei Bedarf - n√§here Erl√§uterungen zu spezifischen √úberlieferungssituationen und Datierungsfragen geben.

Richtlinien zur Transkription

Als eine historisch-kritische Quellenedition k√∂nnen sich die "Deutschen Reichstagsakten" bei der Dokumentation der Texte (leider) nicht prim√§r an sprachwissenschaftlichen Kriterien orientieren. Ebenso wie die Editionsrichtlinien haben sich in der langen Geschichte des Editionsunternehmens dabei auch die Regeln zur Transkription der in verschiedenen europ√§ischen Sprachen verfassten Schriftst√ľcke gewandelt. Mit Blick auf ein besseres Textverst√§ndnis hatten noch die √§lteren B√§nde verschiedene orthographische "Normalisierungen" vor allem bei auftretenden Doppelkonsonanten vorgenommen, die sich an heutigen Schreibweisen orientierten: z.B. bei uff (auf) = uf, bischoff = bischof, wurdenn = wurden, aber auch bei das (Konjunktion) = dass.

Die gegenw√§rtige Editionsarbeit ist demgegen√ľber einer weitestgehend orthographiegetreuen Wiedergabe der Vorlagen verpflichtet. In diesem Zusammenhang werden nur wenige normalisierende Eingriffe vorgenommen, die vor allem die Lesbarkeit der Texte erleichtern sollen. So werden die uneinheitlichen Schreibweisen von /i/ und /j/ sowie /u/ und /v/ gem√§√ü dem jeweiligen Lautwert normalisiert. Durchg√§ngig gro√ügeschrieben werden Personen-, Territorial- und Ortsnamen, bei Satzanf√§ngen - mit Ausnahme von Abs√§tzen - erfolgt hingegen Kleinschreibung. Die Interpunktion wird den heute gel√§ufigen Regeln angepasst. Die Aufl√∂sung der Abbreviaturen geschieht auf der Grundlage der allgemeinen Transkriptionsregeln (vgl. Adriano Cappelli, Lexicon abbreviaturarum. W√∂rterbuch lateinischer und italienischer Abk√ľrzungen [...], Zweite verbesserte Auflage Leipzig 1928).

Liste der bislang erschienenen B√§nde der √Ąlteren Reihe der "Deutschen Reichstagsakten" (1376-1485)

  1. Deutsche Reichstagsakten unter K√∂nig Wenzel, 1. Abtheilung. 1376-1387, hg. von Julius Weizs√§cker (Deutsche Reichstagsakten 1), M√ľnchen 1867 (ND G√∂ttingen 1956). - 2. Abtheilung. 1388-1397, hg. von Julius Weizs√§cker (Deutsche Reichstagsakten 2), M√ľnchen 1874 (ND G√∂ttingen 1956). - 3. Abtheilung. 1397-1400, hg. von Julius Weizs√§cker (Deutsche Reichstagsakten 3), M√ľnchen 1877 (ND G√∂ttingen 1956).

  2. Deutsche Reichstagsakten unter König Ruprecht, 1. Abtheilung. 1400-1401, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 4), Gotha 1882 (ND Göttingen 1956). - 2. Abtheilung. 1401-1405, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 5), Gotha 1885 (ND Göttingen 1956). - 3. Abtheilung. 1406-1410, hg. von Julius Weizsäcker (Deutsche Reichstagsakten 6), Gotha 1888 (ND Göttingen 1956).

  3. Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Sigmund, 1. Abtheilung. 1410-1420, hg. von Dietrich Kerler (Deutsche Reichstagsakten 7), M√ľnchen 1878 (ND G√∂ttingen 1956). - 2. Abtheilung. 1421-1426, hg. von Dietrich Kerler (Deutsche Reichstagsakten 8), Gotha 1883 (ND G√∂ttingen 1956). - 3. Abtheilung. 1427-1431, hg. von Dietrich Kerler (Deutsche Reichstagsakten 9), Gotha 1887 (ND G√∂ttingen 1956). - 4. Abteilung. 1431-1433, hg. von Hermann Herre (Deutsche Reichstagsakten 10), Gotha 1906 (ND G√∂ttingen 1957). - 5. Abteilung. 1433-1435, hg. von Gustav Beckmann (Deutsche Reichstagsakten 11), Gotha 1898 (ND G√∂ttingen 1957). - 6. Abteilung. 1435-1437, hg. von Gustav Beckmann (Deutsche Reichstagsakten 12), Gotha 1901 (ND G√∂ttingen 1957).

  4. Deutsche Reichstagsakten unter König Albrecht II., 1. Abteilung. 1438, hg. von Gustav Beckmann (Deutsche Reichstagsakten 13), Stuttgart/Gotha 1925 (ND Göttingen 1957). - 2. Abteilung. 1439, hg. von Helmut Weigel (Deutsche Reichstagsakten 14), Stuttgart 1935 (ND Göttingen 1957).

  5. Deutsche Reichstagsakten unter Kaiser Friedrich III., 1. Abteilung. 1440-1441, hg. von Hermann Herre (Deutsche Reichstagsakten 15), Gotha 1914 (ND G√∂ttingen 1957). - 2. Abteilung. 1441-1442, 1. H√§lfte, hg. von Hermann Herre (1921), 2. H√§lfte, bearb. von Hermann Herre, hg. von Ludwig Quidde (Deutsche Reichstagsakten 16), Stuttgart/Gotha 1928 (ND G√∂ttingen 1957). - 3. Abteilung. 1442-1445, hg. von Walter Kaemmerer (Deutsche Reichstagsakten 17), G√∂ttingen 1963. - 5. Abteilung, 1. H√§lfte. 1453-1454, hg. von Helmut Weigel/Henny Gr√ľneisen (Deutsche Reichstagsakten 19/I), G√∂ttingen 1969. - 5. Abteilung, 2. Teil. Reichsversammlung zu Frankfurt 1454, bearb. von Johannes Helmrath (Deutsche Reichstagsakten √Ąltere Reihe 19/II), M√ľnchen 2013. - 5. Abteilung, 3. Teil. Reichsversammlung zu Wiener Neustadt 1455, bearb. von Gabriele Annas (Deutsche Reichstagsakten √Ąltere Reihe 19/III), M√ľnchen 2013. - 8. Abteilung, 1. H√§lfte. 1468-1470, hg. von Ingeborg Most-Kolbe (Deutsche Reichstagsakten 22/I), G√∂ttingen 1973. - 8. Abteilung, 2. H√§lfte. 1471, hg. von Helmut Wolff (Deutsche Reichstagsakten 22/II), G√∂ttingen 1999. - 8. Abteilung. 1468-1471. Verzeichnisse und Register, bearb. von Gabriele Annas/Helmut Wolff (Deutsche Reichstagsakten 22/Register), G√∂ttingen 2001.

Liste der bislang erschienenen Bände der Mittleren Reihe der "Deutschen Reichstagsakten" (1486-1519)

  1. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 1: Reichstag zu Frankfurt 1486, bearb. von Heinz Angermeier unter Mitwirkung von Reinhard Seyboth, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 1/I-II), Göttingen 1989.

  2. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 2: Reichstag zu N√ľrnberg 1487, bearb. von Reinhard Seyboth, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 2/1-2), G√∂ttingen 2001.

  3. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 3: 1488-1490, bearb. von Ernst Bock, 2 Halbbände (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 3/I-II), Göttingen 1972/73.

  4. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 4: Reichsversammlungen 1491-1493, bearb. von Reinhard Seyboth, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 4/1-2), M√ľnchen 2008.

  5. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 5: Reichstag von Worms 1495, bearb. von Heinz Angermeier, 2 Bände (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 5/I-II), Göttingen 1981.

  6. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 6: Reichstage von Lindau, Worms und Freiburg 1496-1498, bearb. von Heinz Gollwitzer (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 6), Göttingen 1979.

  7. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 8: Der Reichstag zu K√∂ln 1505, bearb. von Dietmar Heil, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 8/1-2), M√ľnchen 2008.

  8. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 9: Der Reichstag zu Konstanz 1507, bearb. von Dietmar Heil, 2 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 9/1-2), M√ľnchen 2014 (Online-Fassung).

  9. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 10: Der Reichstag zu Worms 1509, bearb. von Dietmar Heil (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 10), Berlin/Boston 2017 (Online-Fassung).

  10. Deutsche Reichstagsakten unter Maximilian I., Bd. 11: Die Reichstage zu Augsburg 1510 und Trier/Köln 1512, bearb. von Reinhard Seyboth, 3 Teile (Deutsche Reichstagsakten, Mittlere Reihe 11/1-3), Berlin/Boston 2017 (Online-Fassung).
Zitiervorschlag
Gabriele Annas: Die "Deutschen Reichstagsakten": Editorische Ausgestaltung, in: Mathias Kluge (Hg.), Mittelalterliche Geschichte. Eine digitale Einf√ľhrung (2021). URL: http://mittelalterliche-geschichte.de/1/1/index.php?id=128&lang=de&tpl=2#

Fördergeber: GHI / University of Alberta in Edmonton (Kanada) / DFG (WAP - Großgeräte der Länder) / Kurt-Bösch-Stiftung / Universität Augsburg / Gesellschaft der Freunde der Universität Augsburg / Bankhaus Hafner / Sin Cinema Filmproduktion