Quellengattung: Dichtung
Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 139r.
Einleitung
Grundsätzlich lassen sich im Bereich der mittelalterlichen Dichtung lyrische, epische und dramatische Texte voneinander unterscheiden. Diese Subgattungen umfassen alleine im deutschsprachigen Raum eine ungeheure Formenvielfalt (z.B. Minnesang, Kreuzlied, Spruchdichtung, Bibelepik, Artusroman, Versroman, Drama, Märe, etc.). Mit ihnen befasst sich eine ganz eigene Fachrichtungen, die Ältere Deutsche Literaturwissenschaft (Mittelaltergermanistik). Gemeinsam ist den meisten dieser Texte, dass sie in einem Spannungsfeld zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit entstanden, was durchaus Folgen für ihre Konzeption mit sich brachte.
Beim Verfassen mussten die Vortragssituation mit eingeplant werden, weshalb Dichtung in der Regel Merkmale mündlicher Erzählweise aufweist. Obwohl Dichtung meist vorgesungen wurde, überliefern uns die Großen Liederhandschriften, wie der Codex Manesse, kaum Melodien.
Die Gründe dafür sind Gegenstand der Forschungsdiskussion (Vgl. Holznagel, Franz-Josef, Wege in die Schriftlichkeit (Bibliotheka Germanica 32), Basel 1995. Als Beispiel wurde ein Auszug aus dem Codex Manesse gewählt. Die kostbare Handschrift befand sich im Besitz bedeutender Persönlichkeiten (z.B. der pfälzischen Kurfürsten zu Heidelberg oder des französischen Königs Ludwig XIV.), bevor sie an die Heidelberger Universitätsbibliothek gelangte, wo sie unter der Signatur Codex Palatinus Germanicus 848 (Volldigitalisat) verzeichnet ist. Der Codex umfasst insgesamt 426 Blatt Pergament und enthält mehr als 6000 Strophen mittelhochdeutscher Dichtung aus der Zeit zwischen 1160 und 1330. Darunter auch Dichtung Walthers von der Vogelweide. Die Handschrift ist reich mit Miniaturen geschmückt, in denen sich die Vorstellungswelt einer höfischen Hochkultur spiegelt. Der Text wurde von sechs verschiedenen Schreibern aufgezeichnet. Die Schriftart ist eine gotische Minuskel.

Am Beispiel des abgebildeten Textauszugs will das zweite Kapitel zeigen, dass Dichtung als Quelle auch für Fragen der Mittelalterlichen Geschichtswissenschaft von Interesse sein kann und sich interdisziplinäre Zusammenarbeit lohnt.