Quellengattung: Dichtung

Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 139r.
1. Einleitung
2. Beispiel: Sangspruch und historischer Alltagsbezug
Der Begriff "Spruchdichtung" geht auf Karl Simrock (1833) zurück. In der Forschung bezeichnen wir mit ihm Dichtung, die sich unter anderem durch ihre moralische, religiöse und politische Alltagsbezogenheit, aber auch durch ihre Stilistik vom Minnesang unterscheiden lässt. Sangspruch beförderte die Meinungsbildung durch Belehrung oder Kritik.
Vor Walther von der Vogelweide ist uns lediglich der Spruchdichter Spervogel bekannt. Nach ihm andere, wie etwa Reinmar von Zweter oder Bruder Wernher. Innerhalb der Gattung tragen Walthers Sprüche als traditionsbildendes Werk Pioniercharakter.
Walther thematisierte als erster politische Spitzenereignisse. So entstand beispielsweise der "Kronspruch" (rechte Kolumne der Abbildung) vor dem Hintergrund der Doppelwahl von 1198, als der Staufer Philipp von Schwaben und der Welfe Otto IV. um das römische Königtum stritten. Da sich Walther zur Zeit seiner Entstehung am Hofe Philipps von Schwaben aufhielt, ist der Spruch geprägt von der Parteinahme für den Staufer. In der ersten Strophe erscheint Philipp zum Kaiser bestimmt, die Krone wie für ihn gemacht. Mit ihrer Hilfe wird Philipps Herrschaft geschickt ins Kosmische übersteigert und die Fürsten ermahnt, sich Philipp anschließen. (Den "Weisen" nannte man einen besonderen Edelstein, der sich vorne an der Reichskrone befand und heute verloren ist.)
Andererseits zeugen die überlieferten Sprüche auch von schnellen Partei- und Meinungswechseln (Beispiel: Dichtung für Philipps Gegner Otto IV. im sog. Ottenton). Solche Befunde werfen Fragen auf (z.B. nach dem Auftraggeber der Sprüche, ihrer Wirkkraft und Rezeption, der Stellung Walthers bei Hofe oder nach dem Stellenwert des Sangspruchs für den Dichter selbst), deren Erforschung auch die Analyse historiographischer und urkundlicher Quellen erforderlich macht.